Kapitalismus in Südamerika

22. Januar 2013  Allgemein

Von unserem Sprecher und Kandidaten Tom Grein:

Tom GreinIch habe viele Jahre in Brasilien gelebt, wo ich miterlebt habe, wie aus einem Entwicklungsland ein Schwellenland auf  dem Weg in die erste Liga der Industrienationen wurde. Es ist noch nicht lange her, dass Brasilien, Frankreich den fünften Platz im Ranking der größten Volkswirtschaften nahm und nun England anvisiert.

Der Wohlstand Brasiliens heute gründet sich auf exzessiven Rohstoffexport, der teilweise verheerende ökologische Folgen hat. Off Shore Ölförderung mit all ihren Risiken, Tropenholzgewinnung derentwegen immer noch jeden Tag Urwald abgeholzt wird, wenn es auch versehen mit allersorten Gütesiegeln verkauft wird. Bei der Goldgewinnung wird die Umwelt mit Quecksilber verseucht und im Norden Matto Grossos hat der weltgrößte Soja Exporteur solch gewaltige Monokulturen durch Soja Anbau geschaffen, dass die nicht dafür geeigneten Böden erodieren und verkarsten. Quadratkilometerweise Öde wo früher blühender Urwald war. Umweltschutzbestimmungen in Brasilien gibt es zwar, sind aber ein sehr dehnbarer Begriff und jederzeit verhandelbar.

Da sich der Kapitalismus in Brasilien seit jeher ohne elementare soziale Eingrenzungen auslebt, ist die Zwei Klassen Gesellschaft dort die Norm. Das Land blickt in der Tat zurück auf 500 Jahre Ausbeutung ohne moralische Grenzen. Zwar stimmt es, dass die Mittelschicht in Brasilien wächst, etwa in dem Masse, wie sie in Europa und den USA schwächer wird. Doch hier wie da kommt beim letzten Fünftel der Gesellschaft kein Wohlstand mehr an.

Während es in Europa und den USA in den 60ern und 70ern zumindest eine Zeit gab, die vom guten Willen zum sozialen Frieden geprägt war, ist Südamerika direkt aus der Ära der Militärdiktaturen in die bunte Welt des Konsumkapitalismus gerutscht.

Ein in fröhlicher Eintracht korruptes Beamtensystem und ein entsprechender Politbetrieb haben zudem verhindert, dass das Land sich in den letzten Dekaden eine infrastrukturelle Basis schaffen konnte um den jetzt mit aller Gewalt einsetzenden Boom zu verkraften. Die explodierende Motorisierung hat in den Ballungszentren zu Zuständen im Straßenverkehr geführt, die durch Produktionsausfälle zu Milliardenschäden in der Wirtschaft führen. Auch das brasilianische Gesundheitssystem, kein schlechtes System ansich, eine Form der Bürgerversicherung, wie sie DIE LINKE ähnlich auch fordert, macht nun mit allen Zivilisationskrankheiten im vorher nicht bekanntem Ausmaߟ Bekanntschaft, wie da wären, Diabetis, Bluthochdruck, Cholesterin, etc. Immerhin erhalten die Betroffenen ihre Medikamente gratis und zuzahlungsfrei, nach ärztlicher Verordnung in ihrer Bezirks-SUS, die in aller Regel nicht fern ist. Vorbildlich hier, die Haltung Brasiliens, bei der Weigerung den Pharma Riesen die Lizenzgebühr für die Produktion von Medikamenten zur Behandlung von HIV  Patienten zu zahlen. Da die meisten HIV Positiven in Brasilien nicht in der Lage wären ihre Medikamente zu bezahlen, entspricht es der Menschenwürde, alle ohne Unterschiede  und gleich zu versorgen. Dies hat man umgesetzt.

Leider hat auch die von den Millionen bejubelte Wahl Inacio „Lula“ da Silvas 2002 Brasilien keine entscheidende soziale Wende gebracht. Nach dem missglückten Start nach Beendigung der letzten Militärregierung 1989 mit Fernando de Mello, der in einer finanz- und wirtschaftspolitischen Katastrophe endete, übernahm nach der Amtsenthebung de Mellos der in Deutschland zum Ökonom ausgebildete Henrique Cardoso 1994 das Ruder in Brasilien. Der bedauerlich erzneoliberale Cardoso öffnete das Land in hundertprozentig  globalistischer Weise, zur Freude Europas und der USA  für die internationalen Märkte, die von dieser Rohstoffquelle seitdem gerne Gebrauch machen. Und immerhin auf diese Weise zu satten Handelsbilanzüberschüssen beitragen, deren Verteilung jedoch auf das ungerechteste gehandhabt wird. Hier hat die globalisierte Welt in der Tat ein Stück Gleichheit geschaffen. In Deutschland ist es die produzierende Industrie, die dafür sorgt, dass Deutschland die zweitgrŸößte Exportnation ist und immerhin 2011 von allen exportierenden Industrieländern den höchsten Außenhandelsbilanzüberschuss erwirtschaften konnte, immerhin rund 200 Milliarden Euro, von denen man sich fragt, wo diese sind, angesichts bankrotter Städte und Kommunen.  So fand Lula das Land vor, schon 2002 als er, der groߟe Hoffnungsträger der Masse, einer der ihren, aus kleinen Verhältnissen die Präsidentschaft von Henrique Cardoso übernahm. Er war klug genug, die von seinem Vorgänger in Schwung gebrachte Exportindustrie und den sich schon abzeichnenden Wirtschaftsaufschwung nicht mehr zu bremsen. Getragen von der Woge der allgemeinen Zustimmung und Prosperität hat er es versäumt, dem prosperierenden Kapitalismus weitreichende soziale Zugeständnisse abzuringen. Die Zeit dafür wäre gewesen. Soziale Akzente, wie die „Bolsa Familia“, eine Art Kindergeld, das an den Schulbesuch gebunden ist, sind kleine Lichter im Strom der Globalisierung, der sich das Land ergeben hat.


3 Kommentare zu „Kapitalismus in Südamerika”

  • Luciane Sousa sagt:

    A falta de transparência dos partidos e do governo vem mobilizando a sociedade, e hoje já não é tão fácil ser corrupto, pois a reestruturação de uma politica exige ultrapassar as lógicas que associam o sucesso e a felicidade como forma de consumo e acumulação sem fim pois o peso do poder econômico está desconfigurando a democracia, a ponto de levá-la ao colapso.

  • Marcia sagt:

    Muito bem mostrado a situação atual do Brasil pelo Tom. Ele citou vários aspectos importantes que preocupa os brasuleiros.

  • Marcia sagt:

    Muito interessante os comentarios do Tom. Gostei !!!

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